Seelische Konflikte lösen und Potenziale entfalten

Seit über 35 Jahren führt Sylvester Walch Therapeuten in die Kunst des holotropen Atmens ein und begleitet Menschen durch verschiedene Bewusstseinszustände. Uns hat er erklärt, wie das Konzept genau funktioniert und welche positiven Auswirkungen das holotrope Atmen auf unseren Alltag haben kann.

Sylvester Walch im Gespräch über Holotropes Atmen

„Beim holotropen Atmen liegt man in einem abgedunkelten Raum auf einer Matte, schließt die Augen, atmet schneller, lässt die Musik, die gespielt wird, auf sich wirken und lässt alles zu, was dann im Inneren geschieht. Mithilfe von schnellerem Atmen und unterstützender Musik können wir die Türen zu verborgenen Räumen unserer Seele leichter öffnen.“
Wie holotropes Atmen genau funktioniert und warum man es nur mit professioneller Unterstützung praktizieren sollte, hat uns Sylvester Walch im folgenden Interview erzählt.

Redaktion: Wie würden Sie holotropes Atmen für jemanden erklären, der davon noch nie gehört hat?
Herr Walch: Zunächst darf ich alle Leser willkommen heißen. Ich freue mich sehr, dass ihr Euch damit beschäftigt, den Menschen und das Leben tiefer zu verstehen.
Holotropes Atmen ist ein intensiver Weg, sich selbst zu erforschen, sich positiv zu entwickeln sowie zufriedener und sinnerfüllter zu leben. Das holotrope Atmen hilft uns, in einen veränderten Bewusstseinszustand zu gelangen, um besser erkennen zu können, wer wir wirklich sind. Beim holotropen Atmen liegt man in einem abgedunkelten Raum auf einer Matte, schließt die Augen, atmet schneller, lässt die Musik, die gespielt wird, auf sich wirken und lässt alles zu, was dann im Inneren geschieht. Mithilfe von schnellerem Atmen und unterstützender Musik können wir die Türen zu verborgenen Räumen unserer Seele leichter öffnen. Dadurch erfahren wir mehr von uns selbst und dem, was Leben bedeutet.

Sylvester Walch

Sylvester Walch

Redaktion: Wie sind Sie persönlich zum holotropen Atmen gekommen? Was finden Sie daran so faszinierend?
Herr Walch: Das war wirklich ein äußerst interessanter Vorgang. Im Jahre 1984 leitete ich ein psychotherapeutisches Ausbildungswochenende. Gleich in der Anfangsrunde äußerte ein Teilnehmer den Wunsch, die Abendsitzung ausfallen zu lassen, um unweit von unserem Seminarort einen interessanten Vortrag von einem gewissen Stanislav Grof über eine neue Art von Psychotherapie, die mit veränderten Bewusstseinszuständen arbeitet, besuchen zu können. Zunächst sträubte ich mich, weil ich seine Anregung als Widerstand gegen seinen inneren Prozess oder meine Arbeit deutete. Während ich versuchte, ihm seine unbewussten Motive klarzumachen, verspürte ich auf einmal eine irritierende Enge im Brustraum. Ich hielt kurz inne. Und es kam mir die spontane Vermutung, dass dies vielleicht mit meinem eigenen Denkansatz und der daraus abgeleiteten Interpretation dieser Situation zu tun haben könnte. Sofort fühlte ich mich freier und willigte prompt in diesen Vorschlag ein.

Dort angekommen, war mir von der ersten Minute an klar, dass sich für mich etwas Bahnbrechendes ereignete. Es erfasste mich eine Energie, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat, denn auf einmal fügte sich zusammen, was bisher getrennt schien: moderne Psychologie und alte Weisheitslehren, Psychotherapie und Spiritualität. Damit begann ein Weg, der für mich sowohl privat als auch beruflich umwälzende Veränderungen zur Folge hatte. Ich kündigte wenig später meine Stelle als Krankenhausleiter, die ich zu dieser Zeit innehatte, um die außergewöhnlichen Erfahrungen, die mir im Holotropen Atmen zuteilwurden, für die traditionelle Psychotherapie und klinische Psychologie fruchtbar zu machen. In den letzten beinahe 35 Jahren durfte ich viele Menschen durch veränderte Bewusstseinszustände begleiten und einige Hundert TherapeutInnen in dieser Methode ausbilden. Gott sei Dank habe ich damals Ja gesagt! 

Redaktion: Mittlerweile geben Sie auch Seminare zum holotropen Atmen. Wer kann bei diesen Seminaren mitmachen?
Herr Walch: Diese Seminare sind für alle geeignet, die den Wunsch in sich verspüren, dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen, an sich zu arbeiten, ein bewusstes Leben zu führen, seelische Konflikte zu lösen und sich für spirituelle Horizonte zu öffnen. Da das holotrope Atmen sehr intensive Prozesse anstoßen kann, ist eine normale körperliche und seelische Belastbarkeit eine Voraussetzung. Bei folgenden körperlichen und psychischen Zuständen ist die Teilnahme an dem Seminar nicht möglich: Herz-Kreislaufprobleme, nicht behandelter Bluthochdruck, postoperative Zustände, Epilepsie, infektiöse Erkrankungen, schwere Gelenks- und Knochenprobleme, noch nicht ausgeheilte Wunden, Glaukom, psychiatrische Erkrankungen.

Redaktion: Wobei kann uns holotropes Atmen helfen?
Herr Walch:
Holotropes Atmen hilft uns, zufriedener und glücklicher zu leben. Es unterstützt uns auch dabei, Lebensprobleme zu lösen, Krisen zu bewältigen, Hemmungen abzubauen, Ängste aufzulösen und unsere Potenziale zu entfalten. Durch veränderte Bewusstseinszustände erfahren wir mehr über den Sinn des Lebens und können erkennen, dass wir von etwas Größerem getragen sind und tief in uns eine Weisheit wirkt, die unser Leben steuert und fördert.

Menschen, die das holotrope Atmen praktizieren, sind auch mitfühlender und achtsamer im Umgang mit sich selbst und anderen. Außerdem wirken sie gelassener und stabiler, wenn sie schwierige Lebensumstände zu bewältigen haben. Sie sind auch sensibler für außergewöhnliche Wahrnehmungen und können leichter das Göttliche in sich und anderen erkennen.

Redaktion: Was hat holotropes Atmen mit transpersonaler Psychologie zu tun?
Herr Walch: Das holotrope Atmen ist historisch eng mit der transpersonalen Psychologie verknüpft, denn der Begründer des holotropen Atmens Stanislav Grof ist gleichzeitig Mitbegründer der transpersonalen Psychologie. Das holotrope Atmen ist ein Praxisweg der transpersonalen Psychologie. Es bietet dem Suchenden, neben allen weiter oben beschriebenen Erfahrungsperspektiven, die Möglichkeit, die Einsichten der transpersonalen Psychologie unmittelbar erlebbar werden zu lassen. 

Redaktion: „Heilende Ressourcen aktivieren und verborgene Potenziale entdecken.“ Was ist damit gemeint?
Herr Walch:
Selbstheilungskräfte helfen, Krankheiten zu kurieren. Diese können ihre ganze Kraft aber erst dann entfalten, wenn wir uns dafür öffnen. Das holotrope Atmen mobilisiert einerseits Selbstheilungskräfte und macht uns gleichzeitig dafür durchlässiger. Durch den veränderten Bewusstseinszustand werden uns noch weitere Ressourcen zugänglich. So erleben wir in diesen Prozessen, dass wir in etwas Größeres eingebettet sind, fühlen uns von einer allesdurchdringenden Liebe berührt und mit allem Seienden verbunden.

Das stärkt unser Selbstbewusstsein, reduziert Ängste und ermöglicht uns auch, in schwierigen Situationen das Richtige zu tun. Wenn Hemmungen und Ängste abgebaut werden, dann fällt es auch leichter, Fähigkeiten und Potenziale, die in uns schlummern, wachzurufen und in die Welt einzubringen.

Redaktion: Welche Auswirkungen hat holotropes Atmen und transpersonale Psychologie noch auf unseren Alltag?
Herr Walch: Menschen, die öfter holotrop geatmet haben, freuen sich, zu leben, sind mitfühlender mit sich selbst und anderen und Sie wissen, dass alles, was sich im Leben ereignet, eine Bedeutung hat. Dadurch können Krisen leichter überwunden und herausfordernde Situationen besser verarbeitet werden. Auch im Beruf- oder Privatleben zeigen sich ein erhöhtes Verantwortungsgefühl, größere Offenheit und ein tieferes Empathievermögen.

Redaktion: Gibt es eine einfache Übung, mit der man holotropes Atmen zu Hause probieren kann?
Herr Walch: Leider muss ich davon abraten, zuhause holotrop zu atmen. Jemand sollte nur dann in den veränderten Bewusstseinszustand gehen, wenn sie/er verantwortungsvoll begleitet wird. Durch das schnellere Atmen werden die für den Alltag wichtigen Kontrollmechanismen heruntergesetzt, um tieferes Erleben und Wahrnehmen zu ermöglichen. Das bedeutet aber auch, dass man mit sehr heftigen Prozessen und ungewöhnlichen Zuständen in Kontakt kommen kann, die eine zwischenzeitliche Unterstützung erforderlich machen können.

Redaktion: Kann einem holotropes Atmen dabei helfen, aufkommende Panikattacken zu vermeiden?
Herr Walch:
Das holotrope Atmen kann Menschen, die unter Panikattacken leiden eine große Hilfe sein, denn im holotropen Bewusstseinszustand können die dahinterliegenden Ursachen aufgedeckt und integriert werden. Jedoch ist es wichtig, anzumerken, dass diese gewöhnlich nicht nach einer Atemsitzung verschwinden, sondern einer längeren Arbeit bedürfen. Heilende Prozesse brauchen Zeit und Geduld, welchen Weg wir auch immer gehen.

Redaktion: Welche Bücher Podcasts oder Blogs können sie zum Thema holotropes Atmen und transpersonale Psychologie empfehlen?
Herr Walch: Natürlich in erster Linie die Bücher von Stanislav Grof und von mir. Sie geben einen umfassenden Einblick in Hintergrund, Anwendung und Wirkungsweise des holotropen Atmens. Auf meiner Homepage und meiner Facebook-Seite finden Sie auch eine Reihe von Interviews und Vorträgen sowie auch Links zu anderen Quellen.

Redaktion: Haben Sie abschließend noch einen Ratschlag oder eine Weisheit, die sie unseren LeserInnen mitgeben möchten?
Herr Walch: Man kann dem Leben, so wie es sich vollzieht, grundsätzlich vertrauen. Alles, was uns begegnet und was geschieht, hat eine tiefere Bedeutung.
In diesem Sinne ist das Leben ein Kunstwerk, an dem wir immer weiterarbeiten können.

Mehr über Sylvester Walch, seinen Seminaren und Veranstaltungen sowie über seine verfassten Bücher, findest du hier: https://www.walchnet.de/.

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